Willkommen beim Thomas-Evangelium

 

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Bücher

Sie wird für viele nützlich sein, vor allem Aufklärung bieten über das, was wir als verborgene Juwelen spüren, es aber nicht so recht fassen können. Denn es geht ja um Verborgenes.

...und ich wurde ständig mit der Nase draufgestoßen, daß es mehr gibt, daß unser Lebensvollzug so nicht das Wirkliche, Wahre sein kann. Edelkrise sozusagen. Deshalb gab ich 1976 mein Beamtendasein (Höh. Lehramt Engl., Französ.) auf, es folgten Reisen, Suche, bis ich‚ ankam‘. (1996) Danach ging die Suche weiter, in umgekehrter Richtung: warum war ich vorher so unfähig zu sehen, was doch vor meiner Nase ist?
 Da kam mir antiquarisch das Buch Gnosis von Werner Hörmann, das die wichtigsten Nag Hammdai-Texte enthält, ‚rein zufällig‘ in die Hände. In diesen Texten war eigentlich alles drin (und in einmalig klarer Form), was mir an missing links fehlte, was ich auch aus Buddhismus und Hinduismus nicht richtig auf mich anwenden konnte.
Kurz, es geht ja hier um unseren Thomas und seine Rolle im besonderen Geschehen vor zweitausend Jahren. Ein zunächst unwissender Mensch erwirbt Wissen, das zuvor nicht da war und ab da weiter existiert. Durch ihn, für uns. Darauf kommt es an, Jesus weiß sowieso alles, wir fragen uns, wie Thomas die Perle, den Schatz, den keine Motten fresssen, fand. Und wie wir von unserem Standpunkt aus neu lernen und uns selbst verstehen können.

So schrieb ich zunächst (drei Jahre) ein Buch (mein siebtes): ‚Du mein Bruder Thomas sahst das Verborgene‘, in dem ich von Thomas (oder mir, oder dir?) her das Wirken Jesu darstelle, unter Zuhilfenahme der dazu beitragenden Texte aus neuem Testament und Nag Hammadi. Dieses Buch stelle ich erstmalig hier vor und zur Diskussion.
Es ist eine Bestandsaufnahme, die Aufarbeitung des überlieferten Geschehens und zeigt die Befreiung des Thomas in ein neues Bewußtsein. Thomas erhält neues Leben, erfährt Licht, erwirbt Unsterblichkeit. Dies auch im Untertitel.

Das Buch hat 214 Seiten, kostet zivile EUR 12,80 incl. Versand, ich versuche, es selbst zu vertreiben (Drei Welten Verlag).

Es ist aus der damaligen Sicht eines Thomas geschrieben, der natürlich nicht aktuell und direkt zu uns  sprechen kann, deshalb plane ich ein weiteres Buch über Thomas aus heutiger Sicht auf der Basis unserer Erfahrungen: Was ist sein Geheimnis heute? Doch erst einmal die Grundlagen, so wie es wohl für ihn geschah:
...in ein paar Probeauszügen aus Du mein Bruder Thomas sahst das Verborgene...: (Diese können heruntergeladen und unter Angabe der Quelle weitergegeben werden)

(Die schräggedruckten Stellen stammen aus den verborgenen Evangelien von Nag Hammadi, darunter das Thomasbuch und die Evangelien nach Thomas, Maria und Philippos, sowie dem Evangelium der Wahrheit und der Verzückung des Poimandres und dem Neuen Testament.)


Was du siehst, wirst du werden...


Erleichtert war ich, als er ging. „Ich muss lernen, mich zu verlieren“, sagte Joschua mit einem Lächeln, als er von mir Abschied nahm. Ich wusste tief in mir, was er meinte. Er war göttlich, niemand widerstand ihm. Er kannte keinen Tod. Er war so stark und rein, dass er kein Gefühl für das Leid und die Schwächen der Menschen hatte. Nun kam er zurück, dreißig Jahre alt, und auch ich war älter geworden.
Als der Vater einen Hammel schlachten ließ, um seine Rückkehr zu feiern und alle zu einem Fest einlud, war ich ärgerlich. „Ich habe gearbeitet wie ein Sklave, du Joschua, warst sonst wo.“ Ich spürte, ich war erwachsen geworden, ich sah die Dinge anders, auf meine Weise. Er schaute mich lächelnd an: „Wer immer nur seinen Einsatz zurück haben will, kann nicht feiern. Selbst wenn das Fest für ihn eingesetzt wäre. Er wird sich sagen: ‚Jetzt wird aufgegessen, wofür ich mühsam gearbeitet habe.‘
Er nahm mich bei der Hand. „Ab jetzt wirst du mit mir feiern, Thomas.“
Ich blickte ihn an. Seine Züge waren reifer, sein Lächeln war gewinnend. Er war zu meinem Gegenteil geworden. „Du bist wieder anders“, sagte ich zu ihm. „Früher konntest du schon alles, aber ich konnte wenigstens gegen dich sein. Jetzt nimmst du mir auch das weg.“ Ich fühlte mich seiner Macht ausgeliefert, als ob er die ganze Welt mit sich ausfüllte.
Deshalb sagte ich zornig: “Wirst du mich töten?“ „Du bist schon tot“, sagte er milde und erzählt eine Geschichte: „Es war ein reicher Mensch, der hatte viele Güter. Er sagte sich: ich werde meine Güter nützen, um zu säen und zu ernten, zu pflanzen und meine Scheunen zu füllen mit Früchten, damit mir gar nichts mehr fehlt. Das ist es, was er erwog in seinem Herzen. Doch in jener Nacht starb er.“ In meine Verblüffung hinein sagte er: „Du hast mühsam gearbeitet für alles, was du hast? Dann bist du tot.“ Er deutete auf mein Herz. „Wenn du leben willst, wird es für dich so aussehen, als ob du stirbst, aber nur so kannst du das wirkliche Leben erlangen.“ Er lächelte: „Aber beruhige dich, auch ich werde sterben, und es wird nur so aussehen.“

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Joschua kam zu mir, umarmte mich. “Das ist Thomas, der daheim blieb, während ich in die Welt ging. Wollen wir ihm etwas zeigen?“ „Ja“, riefen die Kinder begeistert. Er wies nach oben. Ein Geier oder Rabe kreiste über den Häusern. „Welcher Balken stützt ihn, dass er nicht fällt?“ „Die Luft!“ riefen die Kinder. „Welcher Balken verhindert, dass er stirbt?“ „Sein Leben“, riefen die Kinder. „Wie viele Balken muss er zurichten und schleifen, dass er nicht verhungert?“ „ Er findet überall, was er braucht“, riefen die Kinder.
Er klopfte an meiner Kleidung. Sägemehl und ein paar Späne fielen zu Boden. „Ein staubiger Vogel“, sagte er. Er nahm meine Wasserflasche, öffnete sie und drehte sie um. Doch sie war leer. „Ein durstiger Vogel“, sagte er. Er nahm Schnitzmesser und Stemmeisen von meinem Gürtel und hielt sie hoch. „Der arme Vogel muss Werkzeug mit sich herumschleppen“, sagte er. Die Kinder lachten. In diesem Moment war mir als ob ich noch nie so viele Kinder so fröhlich hatte lachen hören, wenn auch über mich. Ich entschied mich dafür, auch zu lachen, im Spiel mitzutun, machte ein paar seltsame, tanzende Schritte und dann sank ich hin, wie ein erschöpfter Vogel, der nach weitem Tagesflug sein Nest erreicht.
Sofort streichelten mich Kinderhände, Stimmen flüsterten: „Steh auf, lieber Vogel, wir wollen, dass es dir gut geht, du bist ein ganz lieber Vogel“, bis ich mich wie wundersam erweckt wieder aufrichtete. Seine Augen trafen mich, umhüllten mich, lächelten mich liebevoll an. Da lag ich nun als ernsthafter, erwachsener Mann vor ihm im Staub, und es war wieder wie früher. Schon als Kind hatte er mich immer wieder umgeworfen, mit einem schnellen Schritt beiseite, wenn ich auf ihn losging, mit einem klugem Wort, das mich stumm machte, mit einer Kraft, die mich von ihm abprallen ließ.

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Als wir nach Hause gingen, sagte er: „Lass uns die Last tauschen. Ich übernehme deine Last und du die meine. Meins wird deins werden.“ Das war neu. Es war, als habe er in seiner Abwesenheit eine Brücke zu den Menschen gefunden, die zuvor nicht da war. Ich blickte auf seine Schulter und spürte in meine Schultern hinein und konnte keine Last erkennen. Auf meinen fragenden Blick hin sagte er: „Du siehst, was du verstehst, ich verstehe, was du siehst", als ob er meine Frage nach den Lasten beantwortete. „Was auch ein anderer machen kann, bist nicht du.“ „Aber ich erkenne die Balken, die ich gerichtet und zusammengefügt habe, wie nur ich es kann, willst du mir das nehmen?“ Er umfing mich, drückte seine Stirn an meine, und als wir weitergingen, sagte er: „Noch bist du von dieser Welt, Thomas, ich bin nicht von dieser Welt und kehre doch dahin zurück.“

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So trennte er wieder die irdischen Erfahrungen und Ordnungen, die wir kannten, vom himmlischen Leben ab, das unser höchstes Ziel war. Manche wurden auch seines Redens vom Himmel müde und fielen von ihm ab. Doch wohin gingen sie? Ich hörte genau hin, wenn er über solche sprach. Sie gingen ins Vergessen. Sie vergaßen sich, wenn sie sich nur noch in der Welt spürten. Sie wurden von der Welt verschluckt und lebendig getötet. Sie bildeten sich nur ein, ihre eigenen Erfahrungen in den Läuften der Welt zu machen. So waren sie vom Himmel getrennt. Er sprach dies genau an: „Weil das Vergessen entstanden ist, damit man den Vater nicht erkenne, wird dann, wenn man den Vater erkennt, das Vergessen nicht mehr existieren. Von diesem Zeitpunkt an.“ Wie hing ich an seinen Lippen, wenn er über die irdische Weltlichkeit der Menschen sprach: „Ich, der Himmel, dulde nicht, dass die Taten der Leibhaftigkeit endgültig sind. Als ein guter Hüter verschließe ich die Tür der bösen Tat. Doch schneide ich niemanden ab.“
In mir schrie es auf, als ich das hörte. Das war es! Die äußere vergängliche Welt fraß die Menschen auf, zog sie unzufrieden ins Grab. Kannten sie nur sich, wurden sie von ihrem Fleisch durch ihre eigene Vergänglichkeit und Endlichkeit vernichtet. Sie waren tot, wenn er sie nicht erweckte. Ihre Taten waren Schaum im Traumschlaf des Vergessens, doch er verbot sie ihnen nicht.

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Wie tröstlich erschien es mir dann, als er sagte: „Verachtet nicht das Lamm, denn ohne es sieht niemand den König! Keiner wird seinen Weg zum König nackt gehen können.“ Es war also zunächst notwendig, zu sein wie der Mensch war, irdisch geboren, in kreatürlicher Gestalt an sich selbst leidend, um ihm nachzufolgen. Das söhnte mich auch wieder mit dem Ärger aus, den ich immer an mir hatte. Ich konnte ja nichts dafür, dass ich war, was ich war, ein falsches Bild von mir selbst. Er sprach von unserem irdischen Sein wie vom Wachsen eines Weinstocks: „Er wird beim Wachsen Herr über das Land und bringt seinem Besitzer reiche Frucht. Das Unkraut, das gemeinsam mit ihm wuchs, vertilgt er und erstickt es von sich aus. Es starb und wurde dem Boden gleich.“ Ich hatte also ein Recht zu sein, wie ich war. So lange, bis das Unkraut in mir durch mein Wachstum ausgetrocknet war und darüber hinaus.
Manchmal ging ich des Nachts durch die Orte, in denen wir zur Herberge waren, spürte in mich hinein, hörte das Schnaufen der Tiere in den Ställen. Ich sonderte mich ab, fragte mich, wozu ich da war, warum ich mir nicht mehr genug sein durfte, seit mein Bruder mich auf die Reise genommen hatte. Aber wieder zurückgehen? Das Werkzeug wieder aufnehmen, als ob nichts gewesen wäre? Jetzt, wo ich gerade anfing zu sehen, was er meinte? Wo ich begann, mich aus dem Wirbel, aus meinem Trott zu befreien? Wo ich mich selbst beispielhaft für die Wirkung des Fleisches erkannte? Wenn er sagte: „Auch nicht von irgend anderem, ausgenommen vom Fleische allein, das sie gebrauchen, werden sie ergriffen“, war mir klar, dass ich für das Fleisch allein gelebt hatte, nur aus mir selbst heraus nach Gewinn und Verlust, nach Gefallen und Missfallen.

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Er sagte: „Wer auf dieser Welt Kleider anzieht, ist mehr wert als die Kleider. In der Herrschaft der Himmel aber ist das ‚Kleid‘ wertvoller, das einer angezogen hat.“ Da war mir klar: Das Kleid, als das ich in dieser Welt mein Leben trage, besteht aus allem, was ich tue. Und es ist die lichte Ewigkeit des Himmels. Sie zerschneide ich immer neu.
Alle Ewigkeit steht mir zur Verfügung, ich zerschneide sie in dies und das. Wie ich mich drehe und wende, zu was ich mich entscheide, ist unweigerlich mein Kleid. Daher die Unzufriedenheit, die ich nicht verstand! Auf der Erde muss ich notwendig mit meinem Stückwerk unzufrieden sein, doch von meinem Himmel, dem hohen Ort aus, frage ich mich, was werde ich durch mein Tun? Nun war mir auch klar, was er mit diesen Worten meinte: „Man muss in diesem Fleische auferstehen, da alles in ihm ist. Es ist nichts außerhalb des Fleisches.
Der Geist erkennt sich im Fleisch als der handelnde Mensch, der sein Fleisch als ein Stück Ewigkeit auf seine Art benutzt. Das Fleisch, in das der Mensch hineingeboren ist, macht sich zunächst als der blinde Gott bekannt, der nur sich selbst kennt und ehrt. Und so sagte der Meister später dazu: „Euer Licht, das euch gegebene Gewand, ist von der Wolke der Finsternis verdeckt.“ Und weiter: „Wehe Euch, die ihr auf das Fleisch hofft und auf das Gefängnis, das zugrunde geht.

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In mir wuchs Sicherheit: Das war nicht umsonst. Zuvor hatten sie gejubelt, ihm Blumen auf den Weg gelegt, jetzt waren es Dornen und Schläge. Ihn nur anzuschauen, hätte sie wach schütteln müssen. Ich hätte einen Stein nehmen können, an ihm vorbei zielen, einen der Menschen blutig treffen, diesen vielleicht geweckt. Ich spürte die Lust zur Bewegung in meinem Arm, wie wirklich Hass und Wut auch in mir waren und wie unwirklich zugleich. Aber so nicht. Dann wäre die hohle Selbstverlassenheit der Menge wie ein Funke auf mich übergesprungen. Ich stand wie auf Messers Schneide. Ich versuchte zu trennen.
Alles war nur irdisch wirklich, ich versuchte, mir die Leichtigkeit der himmlischen Wolke und das Weiße seines verklärten Gewandes vorzustellen, seine Bewegungen anzuhalten oder sie tanzen zu lassen, wie ich es gesehen hatte. Das Blut auf seiner Stirn wollte ich anhalten. Doch die höhnischen Stimmen wurden lauter, die Bewegungen und  Fuchteleien wurden teuflischer und roher, mein Vermögen zu erfassen lief über, in mir war nichts mehr, das sich allem entgegen stellte oder mitging.
Doch ihre Wirklichkeit fand keinen Platz mehr in mir. Da war mir, als ob er mir einen Blick zuwarf, der zu sagen schien: ‚Wir glauben nicht an sie.‘ Ich sah die Menge an. Ich hörte seine Stimme in mir: ‚Der Vater im Himmel hat sie geschaffen, aber sie wissen es nicht. Wie anders kann man den Vater ihnen und allen Zukünftigen zeigen?‘ Für diesen Widersinn ließ er sich schlagen. Dafür schenkte er sich seinen Feinden. Sie waren zu den Hohenpriestern übergelaufen, die um ihr Brot und ihre Herrschaft fürchteten. Er quälte sich weiter. Doch all dies geschah nicht. Ich ertrug nicht mehr, was ich sah. Das Band zur Welt aus Hohn und Niedertracht war zerschnitten.
Die Menschen waren ihm feindselig, sie bewegten sich, schrieen, bildeten scherzende Gruppen, die am Weg entlang zogen. Er wurde ans Kreuz genagelt, das Kreuz wurde aufgerichtet, doch es geschah nirgends. Dafür ist die Welt nicht da.

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Das Blut der Gekreuzigten war zwischen die Steine geflossen. Kleine Sträucher wuchsen aus ihnen. Überall erwachte der Tod zu erstärktem Leben. Es gibt keine Lücke in der Stadt des tiefsten Fallens und des höchsten Aufstiegs. „Hebe die Steine hoch und ich bin unter ihnen“, hatte er gesagt. Ich sah meinen Bruder überall. Wo war er nicht? Was ich mit ihm erlebt hatte, durchströmte mich weiter. Also gab es ihn immer noch. Er hatte die selbstmächtige Welt in den Menschen besiegt. Auch in mir. Ich setzte mich nieder und bedachte mein Glück. Vögel flogen über die Stätte des Todes. Ich war mit ihnen, ich war mit allem. Alles war sich gleich. Das war seine endgültige Gewissheit, der Rausch, seine Trunkenheit. Sie würden mich nicht mehr verlassen.

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Ich strich sein Gewand weg. Mein Blick traf wie ein hölzerner Dorn auf sein sanftes Fleisch. Ich griff in die Wunde an seiner Seite. Ich wusste nicht, was ich tat. Ich wollte zu dem werden, was ich sah. Zum ersten Mal spürte ich von ihm her, dass um ihn herum alles eins war. Ich berührte die Wunde als Geschöpf des gleichen Vaters, auch wenn ich von untenher war. Sein Bruder im Fleisch, auch wenn es nicht das gleiche Fleisch war.
 Sein Schmerz drang sanft wie ein neues, unerhörtes Gefühl in mich ein. Ich spürte den innersten Schmerz aller Menschen, den sie nicht wahrhaben wollen. Den verstockten Schmerz der Verweigerung, des Wegsehens. Den jähen Schmerz der Liebe, den unsäglichen Schmerz der Unerlöstheit und Schuld. Ich hatte Mitleid mit dem eigenen Fleisch und dem der anderen.
Ich strich über das Fleisch, ich sah die Wunde, die Schuld des Sehens zerflog. Ich sah Geschehen, ich sah Heilung und Schmerz, Neid und Betrug, Liebe und Zärtlichkeit, alles geschah in Einem. Ich schaute noch einmal hin. Die Wunde heilte. Die Macht des Lebens lag im Fleisch. Hier hatte sie ihren Ursprung. Es gab nichts Lebendiges außer im Fleisch. Es brachte hervor, es starb, es brachte hervor. Ich erkannte das Leiden und erhielt das Nicht-Leiden. Unser Vater hatte dem Fleisch Dauer eingehaucht, Ewigkeit gegeben. In seinem Sohn. Meinem Bruder. Ich sah, was ich sah. Dann antwortete ich und sprach zu ihm: „Mein Herr und mein Gott!"

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Ich sah die Versammelten, ich sah ihn, ich sah in die Welt. Die Abscheu gegen Wunden, gegen das Böse, der Wunsch nach einer Welt, wie nur ich sie wollte, war verflogen, die Welt war geheilt. Was ich nicht wollte, rührte mich nicht mehr. Eine Welt ohne Wunden war mir geschenkt. Und sie blieb dennoch meine Welt. Der Stoff über der Wunde an seiner Seite hatte sich verschoben. Er verhüllte den Schatz seiner Wunde, strich das Tuch seiner Weste darüber. Ich wusste, dass ich in diesem Moment so erfüllt, so überglücklich war, dass ich nichts weiter verstehen konnte. Ich stand in Fleisch und Geist, am Anfang und am Ende der Welt.
Das Fleisch ist Bild des Lichts. Es hat das Licht in sich, bevor es entstand. Es kennt das Salz, es weiß um die Süße der Früchte, die Wärme der Sonne, es hört das Rauschen des Meeres, es verlangt nach dem Geruch der Landstraße, bevor es diese antrifft. Es nimmt die Farben der Blumen voraus, bevor der Säugling die Augen öffnet. Doch wenn all diese wunderbare Schönheit von der Seele durch das Fleisch erfahren wird, ist der Mensch stumpf geworden und hat die Reinheit verloren, die vor der ersten Berührung war. Der Mensch ahmt sie nach mit dem, was er durch das Fleisch erfährt und sich in seinem Leben verschafft und erreicht die erste Reinheit nicht.
Der Mensch lebt nur in der Erinnerung der ursprünglichen Sehnsucht. Was er so wahrnimmt, ist nicht mehr, was er einst wollte, noch ohne es je zu kennen. Jetzt sah ich: Aus dem Fleisch des Herrn wuchs eine Blume, die vor allen äußeren Blumen meines Lebens war. Seine Wunde hatte Heilung, die keine meiner vernarbenden Wunden je hatte.

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Indem wir seine Bilder sahen, gingen wir über uns hinaus, in eine neue, ewige Welt, denn seine Bilder sind immer, Geburt auf Geburt, sie werden nicht sterben. Zeit gibt es nicht für sie. So war uns geschehen: Wir werden aber dort hineingehen durch wertlose Bilder und Schwächen. Uns, die wir von unten sind, öffnete er von oben, damit wir in die Verborgenheit der Wahrheit hinein gehen können. Wir starben nach dem Bild des sichtbaren Menschen. Aus dem, was wir nicht fassen konnten, ist uns Neues erwachsen: Die verborgenen Dinge aber sind stark und wertvoll. Die Mysterien der Wahrheit sind aber offenbar, freilich durch Bilder und Abbilder. Uns gab er diese Lehre und ich erfuhr sie an mir. Davon berichte ich. Was er an uns tat, war nicht Tun, er hinterließ geheime Bilder. Er sprach in Bildern, er litt in Bildern, er verwandelte Bilder: Erste in Letzte, Kranke in Gesunde, Wasser in Wein, untadelige Hohepriester in Tyrannen, Vergängliches in Endgültiges. So sagte er:„Denn an dem Ort, an dem der Anfang ist, dort wird auch das Ende sein. Die erste Erkenntnis, die Unvergänglichkeit und das ewige Leben sind der erste Mensch, das Bild des Unsichtbaren.“ Wir alle tauschten uns darüber aus, was jeder gesehen hatte. Wir sagten uns: „Dann werden wir zum Bild, zu dem was wir sehen.“ Und wir hatten durch ihn Erfüllung. „Du siehst dich aber an jenem Ort. Denn was du siehst, wirst du werden.
Wir spürten die Erde als Ort der Bilder Gottes. Er schickte seinen Sohn, sie uns zu zeigen. Zuvor waren wir blind und wurden von Blinden ins Verderben geführt. So beratschlagten wir und verwunderten uns, wie wir durch die Erkenntnis des Meisters gerettet waren.
Wir hatten den sehen gelernt, der lange vor uns und lange nach uns war, den er uns nicht zeigen konnte, da er nicht aus sich selbst war. Er hatte uns in seine undurchmessene Heiligkeit aufgenommen. Er hatte dies schon immer gewusst und uns vorbereitet: „Wenn sie zu euch so sagen: Woher seid ihr geworden?, sagt zu ihnen: wir sind aus dem Licht gekommen, dem Ort, wo das Licht geworden ist aus sich selbst. Es stand und wurde kund in unserem Bilde.“ Wieder und wieder bedachten wir, wie er unsere blinde Selbstgenügsamkeit aufgebrochen und uns ins Licht geführt hatte. So entzündete er das Licht in uns, obwohl wir zuvor waren wie das Holz, welches das Feuer nicht kennt. Der Vater wohnte immer schon in uns, wie das Feuer immer schon im Holz verborgen ist!

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Ich dachte zurück. Immer hatte ich mich mit etwas anfüllen wollen. Etwas erben, erobern, erreichen, benutzen. So diente ich nur meiner Torheit. All das hätte mich ins Grab der vergänglichen Welt und der Sinne genommen. Ich hörte seine Stimme sagen: „Die Welt der Veränderung hat keine Wurzel. Verglichen mit dem Vater ist sie gewordener Nebel. So bringt sie bei ihrer Arbeit Vergessungen und Ängste hervor, damit sie jene, die zur Mitte gehören, ablenke und in Gefangenschaft führe, denn sie existiert ja.“ Meine alltäglichen Erfahrungen waren wie Hütehunde für meine Gedanken und hielten sie eng zu einander. Aus der Gefangenschaft meines Weltgrabes bin ich befreit. Aus diesem stand ich auf, zu mir. Um ihm wirklich zu folgen. Ich weiß nicht mehr, gehöre ich ihm oder gehöre ich mir. Ein Mehr beflügelt mich, die ganze Welt ist mir von ihm. So sagte er: ‚Die Wahrheit ist nur eine. Unseretwegen ist sie in vielen Formen, um sich allein zu lehren.‘ Ich weiß nicht, was mir das Schönste und Liebste in der Wahrheit und ihren vielen Formen ist. Alles ist wie durch ein Wunder da. Sein Lächeln streift mich als Luft. Die Welt ist sichtbares Licht, reine Freude. Das göttliche Leben ist mein Weg. Meine Füße jubeln bei jedem Schritt, mein Atem geht frei. Die Berge stellen sich auf den Kopf.

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Weiter und weiter brachte ich den Menschen die Freude und den alles überwindenden Schmerz des Herrn. Er zeigt mir alles. Geburt und Tod, Ewigkeit und Leere. Er gibt Liebe zu allen Menschen, die sich mit neuen Augen an der Welt trösten wollten. Wer froh war, spürte, dass er durch den Retter noch froher wurde und freute sich. Wer Schmerz hatte, spürte, dass der Retter noch mehr Schmerz getragen hatte, und der Schmerz wurde leicht. Und wer verstand, dass Freude nicht nur Freude und Schmerz nicht nur Schmerz ist, dem öffnete sich der Himmel. Das Leben ist ein Fest des Seins, von Gott ausgerichtet für Mann und Frau, für Himmel und Erde, für alle Wesen. Niemand soll Opfer sein.
 So erreichte ich das höchste Glück meines Lebens. Ich baute die Häuser mit unsichtbaren Balken, die mir mein Bruder voraussagte, und ließ sie in den Menschen zurück.
Mein Körper ist Brot geworden, die Welt leuchtet mit meinen Sinnen, der Wind begleitet mich auf der Reise. Ich fand Ruhe. Die Wurzel der Sünde ist auf einmal ausgerissen. Meine Seele ist zu Wein geworden, sie liebt den Geist, sie kennt keine Not mehr. Sie ist dem Schatten nicht mehr ausgeliefert.

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Ein Weiser erzählte mir von einem großen Meister, der über die Leid bewirkende Nichtigkeit des Scheins lehrte. Er gab seinem Lieblingsschüler eine Blume. Da erkannte dieser, dass die Blume vergänglich war und dass kein Mensch von einem anderen je etwas wirklich erhalten konnte, so lange auch er noch vergänglich war. Da wurde er erleuchtet. Der Weise verbeugte sich vor mir. "Du hast in der Wunde deines Meisters die Blume der Unvergänglichkeit gesehen, da wurdest du erleuchtet.“ Wir sprachen lange über unsere Meister, und da er das Licht noch nicht kannte, lehrte ich ihn alles, was er von mir wissen wollte.
Ich sah Tempel, welche die Vereinigung von Mann und Frau im Bild zeigen. Ein Kulthüter erklärte mir: „Wir suchen die Ewigkeit im Funken zwischen Mann und Frau. Wir verehren das äußere männliche und das innere weibliche Wunder des Körpers. Mann und Frau spüren in ihrer gottgegebenen Lust an einander die unendliche Ewigkeit. Die Frau empfängt die Ewigkeit als süße innere Lust, der Mann spendet entrückt die unendliche Gabe seines Wegs, seiner Kraft.“ Wir verstanden uns in der Botschaft des Herrn, der so über die hohe Liebe zwischen Mann und Frau sprach: ‚ Und der Fehltritt wird begradigt, aus dem der Tod gekommen ist. Und die sich im Brautgemach vereinigt haben, trennen sich nicht mehr.
Wir sprachen vom himmlischen Wunder der Liebe zwischen Mann und Frau. Ich erzählte, was der Herr gesagt hatte: Durch ihre himmlische Liebe zueinander wird der Mann zum jungfräulichen Geist, die Frau zur unberührten Erde. So heiligen sie sich. Ich erinnerte mich an das, was der Herr noch gesagt hatte: „Als Eva noch in Adam war, gab es keinen Tod. Da sie sich von ihm trennte, kam der Tod. Wenn er sich mit ihr wieder vereinigt und den Tod sich nimmt, wird kein Tod mehr sein.“ Das Ausgestreute erhebt sich zum Himmel, woher es kam.

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Das Verborgene ist mehr als alles, was Menschen der Welt sehen, riechen, denken, schmecken können. Es ist dem äußeren Auge unsichtbar und doch in allen Menschen. Hinter dem, wofür man sich öffnet, liegt der selige Weg, der sein Ziel nie verlassen hat. Das Ziel ist der Weg.
Denn die Endgültigkeit kennt keine Furcht und keinen Tod und keine Zeit. Wer das weiß, lebt in der Wahrheit. Ich bin ruhig, denn ich werde zu ihm gehen, so wie ich nie getrennt von ihm war. Ich sah mich im Leben des Herrn und wurde zu dem, was ich sah.
Warum bin ich dennoch traurig zu gehen? Meine Trauer ist Dankbarkeit für jeden Moment, der durch ihn wurde und der doch vergeht. Auch er war traurig, als er ging. Aus Liebe zu uns ging er. Der Wille in und über allem geschehe sowohl in der Ruhe, wie in der Bewegung, die einander unvermischt sind. Er trug diesen Willen und zeigt ihn für immer und alle Zeit in Bildern, die unvergänglich sind. Wer an ihn glaubt, findet ein Paradies in dieser Welt. In jeder Freude, in jedem Schmerz des Fleisches. Das sagt Thomas, der in die Wunde des Herrn sah, und er ist dankbar.
Ich spüre, dass mein Leben zu Ende gehen wird, doch meine Liebe zum Retter kann nicht enden. Ich war und bin nichts ohne ihn. Ich weiß, dass ich durch ihn ewig leben werde, denn meine Liebe zu ihm hätte nie entstehen können, wenn sie Anfang oder Ende hätte.


Denn wer sich selbst nicht erkannt hat, hat überhaupt nicht erkannt. Wer aber sich selbst erkannt hat, hat die Erkenntnis der Tiefe des Universums erkannt. Deswegen hast du, mein Bruder Thomas, das den Menschen Verborgene gesehen.